Bio oder regional – was ist denn nun besser?

Wollen wir wirklich regionale Pestizidcocktails auf den Feldern hinter unserem Garten und in der Luft? Finden wir arme Schweine auf Vollspaltenböden in der Nachbarschaft besser?
Zu wissen, WO etwas herkommt, ist gut. Aber haben wir da nicht doch das WIE vernachlässigt?
Ein wichtiger Denkanstoß:

Lebensmittel aus der Region werden meist völlig unabhängig von der Produktionsweise als qualitativ hochwertig dargestellt bzw. wahrgenommen. „Regional“ bedeutet für die Konsument:innen meist eine kleinräumige Landwirtschaft und Lebensmittel, die in ländlicher Idylle von Menschen aus der Umgebung produziert werden. Man hat das Gefühl, die Herstellungsbedingungen zu kennen, und so entsteht – meist ohne reale Grundlage – Vertrauen in die Qualität der Produktion.

„Wenn es aus Österreich ist, kann es ja nur gut sein.“ Die räumliche Nähe erhöht das Vertrauen und – zumindest gefühlt – die Transparenz. Eine gefährliche Täuschung für unsere Artenvielfalt, unsere Böden, unsere Gesundheit und das Tierwohl.
Regionale Lebensmittel werden mit zahlreichen Vorteilen in Verbindung gebracht, die von Transparenz, Sicherheit und Vertrauen bis hin zu höherer Qualität, kurzen Wegen und Förderung der regionalen Wirtschaft reichen.

Doch während „BIO” durch die EU-Bio-Verordnung umfassend geregelt ist und Bio-Lebensmittel kontrolliert und klar gekennzeichnet werden, ist der Begriff der Regionalität eher schwammig. Derzeit gibt es nicht einmal ein einheitliches Verständnis oder umfassende Richtlinien, was unter „regional“ genau zu verstehen ist. Ein gefundenes Fressen für die Werbung.

Regionalität ist per se kein Garant für höhere Qualität oder mehr Nachhaltigkeit, so positiv aufgeladen örtliche Nähe auch sein mag.

Auch wenn kurze Wege und regionale Wertschöpfung natürlich für regionale Lebensmittel sprechen, kann von der Distanz allein, die zwischen dem Ort der Produktion (oder Teilen davon) und dem des Konsums der Lebensmittel liegt, weder auf die Qualität eines Nahrungsmittels noch auf (wirtschaftliche) Vorteile für eine Region geschlossen werden.

Neben dem WO sollte es daher vor allem um das WIE der Herstellungsprozesse unserer Lebensmittel gehen.

Und da hat BIO klar die Nase vorn. Im Gegensatz zu BIO ist Regionalität allein kein Nachhaltigkeitskonzept. Allerdings könnte sich die regionale Lebensmittelproduktion gemeinsam mit der biologischen Landwirtschaft als starkes Duo positionieren. Als Entscheidungshilfe beim Lebensmitteleinkauf gilt jedenfalls:

bio, saisonal, regional – und zwar am besten auch in dieser Reihenfolge.

Deshalb brauchen wir MEHR BIO IN ÖSTERREICH!

Die letzten Monate haben uns gezeigt: Die globalisierte Versorgungskette hat ihre Schwächen.
Es ist also durchaus vorteilhaft, die für das (Über-)Leben wesentlichen Güter im näheren Umkreis zu produzieren und nicht kreuz und quer über den gesamten Globus zu transportieren. Das gilt auch für die Lebensmittelproduktion. Schließlich stellt eine autarke Versorgung mit Nahrungsmitteln eine wichtige Basis für die Ernährungssicherheit der Bevölkerung dar.

Doch das Argument „Ich kenne den Bauern persönlich, der steht immer am Markt und ich war auch schon einmal bei ihm am Hof“ greift als umfassendes Qualitätskriterium für eine nachhaltige und nutztierfreundliche Produktion zu kurz. Räumliche Nähe und eine persönliche Bekanntschaft reichen noch nicht aus, um daraus klare und umfassende Qualitätskriterien abzuleiten und eine wirklich seriöse Beurteilung der Produktionsbedingungen treffen zu können.

Für das Bio-Siegel haben viele Naturliebhaber:innen, Tierschützer:innen und Wissenschaftler:innen lange gearbeitet. Dieser Standard muss sicher weiter ausgebaut werden, jedoch darf er auf keinen Fall durch ein Wort wie „regional”, das keinerlei Standards aufweisen muss, ersetzt werden. Ergänzt, JA. Ersetzt auf GAR KEINEN FALL.

Ist „regional“ eigentlich wirklich regional?
Tut uns leid, jetzt kommt die nächste Überraschung.

REGIONAL heißt noch lange nicht, dass alle Produktionsschritte und Rohstoffe aus der Region sind. Ganz weit gefehlt. Ja, der Begriff täuscht schon gewaltig.
Die Herkunft kann sich auch lediglich auf Produktzutaten oder auch auf einzelne Produktionsschritte beziehen.
Ist österreichisches Schweinefleisch noch regional, wenn die Sau im Nachbarort mit südamerikanischem Sojaschrot gefüttert wird, für das Regenwald abgeholzt wird? Ist das überhaupt noch regionaler als eine „böse“ Bio-Erdbeere aus Italien? Ist für eine Wienerin der Käse aus dem Bregenzer Wald regionaler als der aus Ungarn? Laut dem, was „regional“ derzeit verspricht, ja, kein Problem.
Ihr seht schon, da wird der Konsumentin/dem Konsumenten ein verzerrtes Bild vermittelt.  

Während auch der Bio-Markt stetig wächst, ist diese Regionalität für viele Konsument:innen ein noch stärkeres Kaufargument. So zeigt eine Umfrage aus 2019, dass für die befragten Konsument:innen BIO und Nachhaltigkeit eine geringere Rolle spielen als die österreichische Herkunft und Regionalität der Lebensmittel. Und das ist zutiefst paradox. Also, wir wünschen uns chemisch-synthetische Pestizide, ausgelaugte Böden und Vollspaltenböden am liebsten in unserer Nähe? Eines wird klar: Da wurde, gut gemeint von Konsumierenden, also von uns allen, doch etwas übersehen: DAS WIE. WIE wird regional produziert? 

BIO muss das neue REGIONAL schon sein, um den grünen Gedanken auch wirklich umzusetzen.

Eine aktuelle deutsche Studie über die Kaufmotive junger Konsument:innen zeigt, dass regionale Produkte deutlich weniger hinterfragt werden als Bio-Produkte. Hier scheint der Begriff „regional“ so positiv besetzt zu sein, dass er, wenn auch nicht mit BIO gleichgesetzt, zumindest ökologischer als übrige Ware erscheint und eine kritische Reflexion (Was bedeutet regional eigentlich? Woher kommen diese Produkte? Und vor allem: Wie werden sie erzeugt?) verhindert.

Das regionale Schnitzel sagt nichts darüber aus, wie die Schweine
gehalten wurden und was sie zu fressen bekamen. Auch bei regionalem
Gemüse kann die Konsumentin/der Konsument meist nicht nachvollziehen, ob und
welche Pestizide eingesetzt wurden. Im Gegensatz dazu weiß man bei
Bio-Lebensmitteln aufgrund der klaren Richtlinien und der einheitlichen
Kennzeichnung, was man bekommt und welche Kriterien und Vorgaben erfüllt
werden.

Die Studienautor:innen kommen zu dem Schluss, dass es wichtig wäre, die Besonderheiten und Vorteile von BIO noch stärker zu kommunizieren, vor allem was die Leistungen der biologischen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion für den Klimaschutz, den Erhalt der Biodiversität oder den Bodenschutz bedeuten. Gleichzeitig sollte die Verbindung BIO und Regionalität gestärkt werden.

UND GENAU DAS TUN WIR. GEMEINSAM.

Ja, aber was ist mit der Bio-Erdbeere aus Italien? Wir müssen doch auf das Klima achten!

Sind regionale Lebensmittel aus intensiver Landwirtschaft oder der heimische Salat aus dem beheizten Glashaus besser als BIO aus Italien?

Zuerst einmal das:

In der Gesamtheit der Treibhausgas-Emissionen der Lebensmittelproduktion macht der
Transport „nur“ einen Anteil von rund 10 % aus.

Je nach Produktionsort, Produktionssystem und Saisonalität haben Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion sehr unterschiedliche Auswirkungen auf das Klima. In Österreich verursacht die Landwirtschaft etwa 9 % der entstehenden Treibhausgas-Emissionen, bei Berücksichtigung der vorgelagerten Bereiche, wie z. B. die Produktion schnell löslicher mineralischer Düngemittel, sind es sogar 13–15 %.
Da sich Treibhausgas-Emissionen gerade in der landwirtschaftlichen Produktion durch biologische Bewirtschaftung deutlich reduzieren lassen (unter anderem auch, weil im Bio-Landbau keine schnell löslichen Mineraldünger eingesetzt werden dürfen), punktet regionale Lebensmittelproduktion beim Klimaschutz erst vor allem in Kombination mit BIO.

Denn auch wenn es empfehlenswert ist, durch die persönliche Ernährungsweise für ein möglichst geringes Transportaufkommen zu sorgen, greift Regionalität in Sachen Klimaschutz oft zu kurz. So ist z. B. der saisonale Freilandanbau von Gemüse und Obst deutlich weniger klimabelastend als ihre Erzeugung in (mit nicht erneuerbaren Energieformen) beheizten Glashäusern oder Folientunneln.

Die Bio-Erdbeere aus Italien gewinnt sogar, wenn wir auf den Fußabdruck achten wollen.

Neben den Treibhausgas-Emissionen zählen auch der Erhalt der Biodiversität, der Schutz von Boden und Wasser sowie Tierwohl zu wichtigen Aspekten, wenn es um die Beurteilung der ökologischen Nachhaltigkeit geht. Und auch für diese relevanten ökologischen Faktoren lassen sich kaum allgemeingültige Aussagen über die Vorteilhaftigkeit regional erzeugter Lebensmittel treffen.

DIE LÖSUNG IST BEREITS DA: BIO + Region = Bio-Region ÖSTERREICH

Dass BIO und Regionalität gut zusammenpassen, zeigen auch die sogenannten Bio-Regionen, die sich in Österreich in verschiedenen Bundesländern entwickelt haben. Die Idee hinter den Bio-Regionen ist, die Grundsätze des biologischen Landbaus auf eine regionale Ebene auszuweiten. Die regionale biologische Landwirtschaft soll durch Kooperationen entlang der Wertschöpfungskette, von der Produktion über Verarbeitung und Vermarktung bis hin zu den KonsumentInnen, und durch Vernetzung mit anderen regionalen AkteurInnen zu einer dynamischen und nachhaltigen Entwicklung in der gesamten Region beitragen.

Und dafür arbeiten wir. 100 % BIO in Österreich. 

Denn BIO ist das neue REGIONAL.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut für biologische Landwirtschaft in Österreich – FiBL erstellt.

Verwendete Literatur

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Bartel-Kratochvil, R. & Gusenbauer, I. (2019): Bewertung des „regionalen“ Benefits: Wie Regionen von regionalen Produkten profitieren. Der Alm- und Bergbauer, 6-7/2019.

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